Briefwechsel: Idee der Versöhnung ist aktuell

von Norbert Block

Gedenken an den Briefwechsel polnischer und deutscher Bischöfe von 1965: Die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen, Tadeusz Wojda und Georg Bätzing, legen am 18. November 2025 Kränze am Denkmal nieder. Foto: Deutsche Bischofskonferenz / Matthias Kopp

Die Kirche beider Nationen hatte den Mut, die Sprache des Evangeliums zu sprechen, und der Briefwechsel wurde zu einem Meilenstein der deutsch-polnischen Aussöhnung – so lautete das Fazit der polnischen und deutschen Bischöfe, die am 18. November 2025 in Breslau (Wrocław) bei den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestages der Botschaft der polnischen Bischöfe an die deutschen Bischöfe.

Botschaft der polnischen Bischöfe in gewisser Weise visionär

„Die Tatsache, dass wir heute hier sind und diese Feierlichkeiten beginnen, ist ein Beweis dafür, dass der Brief der polnischen Bischöfe an die deutschen Bischöfe, verfasst von meinem Vorgänger Kardinal Bolesław Kominek, sowie die Antwort der deutschen Bischöfe bahnbrechende Dokumente waren” , sagte Erzbischof Józef Kupny, Metropolit von Breslau, stellvertretender Vorsitzender der Polnischen Bischofskonferenz und Gastgeber der Jubiläumsfeierlichkeiten. „Wir sehen, dass die Botschaft der polnischen Bischöfe in gewisser Weise visionär war und ihrer Zeit voraus war. Ich glaube, dass sie nicht nur weiterhin Einfluss auf die benachbarten Völker Polens und Deutschlands haben kann, sondern auf den gesamten Alten Kontinent, der heute Frieden, echten Dialog und Einheit auf der Grundlage universeller christlicher Werte braucht”, erklärte er.

Erzbischof Kupny erklärte, dass wir aus der Perspektive der Jahre wissen, wie stark diese Briefe das spätere vereinte Europa geprägt und seine heutige Gestalt beeinflusst haben. Er betonte, dass niemand davon überzeugt werden müsse, dass die Idee der Versöhnung nach wie vor aktuell sei. „In diesen unruhigen Zeiten, in denen beispielsweise jenseits unserer Ostgrenze in der Ukraine ein schrecklicher Krieg tobt”, erklärte er.

Er fügte hinzu, dass die Feierlichkeiten den Höhepunkt und zugleich den Abschluss des Jahres der Versöhnung bilden, das vom Stadtrat in Breslau beschlossen wurde. „Als Nachfolger von Kardinal Bolesław Kominek fühle ich mich geradezu verpflichtet, daran zu erinnern, dass gerade aus Breslau der unglaubliche Funke der deutsch-polnischen Versöhnung hervorgegangen ist. Und mit unserer Anwesenheit heute setzen wir ihn fort“, betonte Erzbischof Kupny.

60 Jahre nach dem Briefwechsel, so bemerkte er, „möchten wir diese vom Evangelium inspirierte Idee wieder aufgreifen, die die Verfasser der Briefe nur 20 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg so mutig vorgeschlagen haben. Es handelt sich dabei nicht um eine abstrakte Idee, sondern um eine Idee, die durch unsere täglichen Anstrengungen verwirklicht werden kann. Sie hilft uns, den anderen Menschen mit den Augen Jesu zu sehen, voller Verständnis und Liebe.“

„Möge dieser Tag, den wir mit Besinnung, Gebet und dem gemeinsamen Erleben dieses Jubiläums verbringen, zu einem weiteren Bindeglied unserer Herzen werden. Er stärkt nicht nur den Frieden zwischen Polen und Deutschen, sondern auch innerhalb unserer Nationen. Wir wünschen uns, dass diese Botschaft auch andere europäische Nationen inspiriert“, ermutigte Erzbischof Kupny.

Deutsche und Polen brauchen einander

Georg Bätzing, Bischof von Limburg und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, betonte, dass seiner Meinung nach das Interesse an dem Briefwechsel und seiner enormen Bedeutung für die Versöhnung zwischen Deutschland und Polen in der breiten Öffentlichkeit seines Landes, aber auch in Polen, nicht so groß ist und dass eher eine gewisse Ermüdung gegenüber dem Nachbarn herrscht.

„Ich bin überzeugt, dass Polen und Deutschland einander brauchen – und gebraucht werden: in vielerlei Hinsicht, vor allem aber für den Aufbau eines Europas, das für uns alle ein Garant für Sicherheit und Frieden, Freiheit und soziale Gerechtigkeit sein soll“, so der Limburger Bischof.

„Man muss nur auf die Lage in der Ukraine schauen, um zu verstehen, welcher Gefahr die Völker Europas ausgesetzt sind und in welcher Gefahr sich das europäische Projekt befindet. In den letzten fast vier Jahren haben Polen und Deutschland eng zusammengearbeitet, um die Ukrainer in ihrem Verteidigungskampf zu unterstützen, die humanitäre Krise zu mildern und die Stabilität des Kontinents zu stärken“, sagte der deutsche Kirchenführer.

„In dieser Frage, wie auch in vielen anderen, sind gemeinsame Maßnahmen unserer Länder unverzichtbar. Dies ist auch eine Herausforderung für die Kirche in Polen und Deutschland: Wenn sie mit einer Stimme spricht, kann sie eine wirksame ethische Dimension in die Debatten einbringen, die auf dem Evangelium basiert. Die Wirksamkeit unseres Handelns hängt auch von unserer Zusammenarbeit und der Einheit unseres Zeugnisses ab“, betonte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz.

Briefwechsel als belebende Inspiration

„Ich bin überzeugt, dass der Briefwechsel von 1965, den die polnischen Bischöfe dank einer äußerst mutigen Initiative begonnen haben, für uns eine belebende Inspiration auf dem Weg zur Vertiefung des Zusammenlebens unserer Völker und unseres gesamten Kontinents sein kann und sein sollte. Auch um unsere Länder und uns als Kirche daran zu erinnern, feiern wir heute den 60. Jahrestag dieses großen Moments in der Geschichte der europäischen Kirche“, schloss Bischof Bätzing.

Bischof Bertram Meier, Diözesanbischof von Augsburg und Co-Vorsitzender der Kontaktgruppe der Bischofskonferenzen Polens und Deutschlands, wies darauf hin, dass es seit Mitte der 90er Jahre eine Kontaktgruppe beider Bischofskonferenzen gibt, die sich jährlich trifft, „um den brüderlichen Austausch zu pflegen und aktuelle Themen von gemeinsamem Interesse zu diskutieren“. „Diese Kontaktgruppe ist einzigartig, da die deutschen Bischöfe zu keiner anderen Bischofskonferenz so regelmäßige und intensive Kontakte unterhalten. Die Diskussionen in diesem Gremium sind auch deshalb hilfreich, weil viele Fragen und Probleme in beiden Ländern sehr ähnlich sind, was ein gegenseitiges Lernen ermöglicht”, sagte er.

Viele polnische Priester und Ordensschwestern in Deutschland tätig

„Man denke nur an die Herausforderungen, die mit der Weitergabe des Glaubens an die nächste Generation und den Berufungen zum Priestertum verbunden sind. Oder auch an die Vertrauenskrise, die durch den sexuellen Missbrauch von Jugendlichen im kirchlichen Umfeld unter den Gläubigen und in der gesamten Gesellschaft ausgelöst wurde“, sagte er.

„Ein wichtiger Beitrag zur solidarischen Zusammenarbeit ist auch die große Zahl polnischer Priester und Ordensschwestern, die in deutschen Diözesen pastoral tätig sind. Sie sind nicht nur in den polnischsprachigen katholischen Gemeinden tätig, die es in fast allen Ballungsräumen gibt, sondern auch in der deutschsprachigen Seelsorge vieler Diözesen. Viele von ihnen leisten einen großartigen Dienst und sind gleichzeitig Zeugen der Zusammenarbeit über sprachliche und kulturelle Grenzen hinweg“, betonte Bischof Meier.

„Eine wichtige Brücke des Dialogs und des gegenseitigen Verständnisses ist die Aktion Renovabis. In den Jahren nach der Befreiung vom Kommunismus konnte sie dank Spenden und Beiträgen deutscher Kirchensteuerzahler konkrete Hilfsprojekte in Polen unterstützen und den Wiederaufbau der hiesigen kirchlichen Strukturen erleichtern. Angesichts der dynamischen wirtschaftlichen Entwicklung Polens ist eine solche Unterstützung heute nicht mehr notwendig. Das Ziel von Renovabis, den Dialog in Europa, insbesondere zwischen Deutschen und Polen, zu fördern, ist jedoch nach wie vor aktuell“, erläuterte Bischof Meier.

Meier lobt Maximilian-Kolbe-Stiftung

„Ich möchte auch auf die Maximilian-Kolbe-Stiftung aufmerksam machen. Sie wurde 2007 mit Unterstützung der Bischofskonferenzen in Deutschland und Polen gegründet, die sich bis heute für diese Stiftung mitverantwortlich fühlen. Ihr Ziel ist es, Versöhnungsprozesse in Europa zu unterstützen, sowohl nach Kriegen als auch nach brutalen inneren Konflikten. In unserer konkreten Arbeit begegnen wir immer wieder dem dunklen Schatten, den die nationalsozialistische und kommunistische Tyrannei auf die Völker unseres Kontinents geworfen hat. In gewisser Weise kann man sagen, dass die Maximilian-Kolbe-Stiftung das Ergebnis eines Briefwechsels aus dem Jahr 1965 ist, da ihre Gründer die wirksame Förderung der Versöhnung zwischen Deutschen und Polen bei der Lösung aktueller bewaffneter Konflikte als wichtige Motivation für ihr Handeln betrachteten”, sagte Bischof Meier.

„Dies sind nur einige Beispiele für die enge und fruchtbare Zusammenarbeit der Kirche in Deutschland und Polen. Man könnte noch viele weitere hinzufügen, zum Beispiel aus dem Leben katholischer Vereine und Organisationen. Aber auch ohne einen erschöpfenden Bericht lässt sich erkennen, wie eng das katholische Leben der Deutschen und Polen heute miteinander verbunden ist. Wer hätte das vor 60 Jahren zu träumen gewagt! Wir können Gott für dieses Geschenk dankbar sein“, so Bischof Meier.

Festakt: Ansprache von Bischof Bätzing

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Georg Bätzing, hielt beim Festakt am Breslauer Denkmal für Kardinal Kominek anlässlich des 60. Jahrestages des Briefwechsels der polnischen und deutschen Bischöfe am 18. November 2025 in Breslau folgende Ansprache:

Die polnischen und deutschen Bischöfe waren sich schnell einig, dass sie den Jahrestag des historischen Briefwechsels der beiden Bischofskonferenzen vor 60 Jahren in Breslau feiern wollten. Breslau, das Zentrum Schlesiens, repräsentiert eine politische und kulturelle Grenzregion, geprägt durch germanische und slawische Besiedlung, in langer Geschichte der deutschen, polnischen und böhmischen Sphäre zugehörig. Schlesien steht für das jahrhundertelange Zusammenleben von Menschen, die Zugehörigkeit zur deutschen oder polnischen Kultur empfanden oder aber sich schlicht als Schlesier verstanden, für die nationales Bewusstsein zurücktrat. Die gesamte Region und auch Breslau sind ein Ort von Kooperation und Koexistenz gewesen und immer wieder auch ein Ort des Streites um Zugehörigkeit und Besitzansprüche. Nach dem Sieg über Nazi-Deutschland, das in Polen einen Versklavungs- und Vernichtungskrieg geführt hatte, um die Ausweitung des deutschen Herrschafts- und Siedlungsgebiets im Osten durchzusetzen, zogen die Siegermächte die Grenzen neu. Im Potsdamer Abkommen wurden die deutschen Ostgebiete – so auch Schlesien – dem polnischen Staat zugeschlagen. Viele Deutsche flohen oder wurden vertrieben. Und zur historischen Wahrheit gehört auch: Polen verlor seine Ostgebiete, die heute zur Ukraine, zu Belarus und Litauen gehören; die dort lebenden Menschen wurden in die Gebiete, die nun den Westen Polens bilden, umgesiedelt.

Wie sollte es nach dieser Geschichte der Verwüstung und des Grauens, die das Deutsche Reich in Gang gesetzt und vorangetrieben hatte, überhaupt wieder ein gedeihliches Zusammenleben der Völker geben können? Kluges politisches Management kann hier einen Beitrag leisten, aber es vermag nicht die kollektiven Traumata der Völker und die individuellen Traumata der Opfer schlimmster Gewalt zu heilen. Und eben hier kommt der historische Briefwechsel der polnischen und der deutschen Bischöfe ins Spiel. Er unterwirft sich nicht der Logik des unmittelbar Politischen, sondern bringt die Sprache und den Geist des Evangeliums ins Spiel. Gerade so aber öffnet er neue Räume auch für das politische Handeln. Der frühere deutsche Bundeskanzler Willy Brandt, der mit dem Warschauer Vertrag (1970) die Türen für ein erneuertes Verhältnis von Polen und Deutschland aufgestoßen hat, hat damals ausdrücklich anerkannt, dass dies ohne die Initiativen der Kirchen kaum möglich gewesen wäre. Er meinte damit neben anderem die sogenannte Ost-Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und den Briefwechsel der Bischöfe – beide aus dem Jahr 1965.

Noch einmal zu Breslau: Hier trug Bischof Bolesław Kominek seit den 1950er-Jahren die Verantwortung für die Kirche, wenngleich er erst nach der Bereinigung der kirchlichen Strukturen 1972 dort als Erzbischof eingesetzt werden konnte. Er ist einer der Initiatoren des Briefwechsels und der Hauptautor des polnischen Briefes, der vor 60 Jahren – in den letzten Tagen des Zweiten Vatikanischen Konzils – den ebenfalls in Rom anwesenden deutschen Bischöfen zugestellt wurde. Ihn, den späteren Kardinal Kominek, ehrt das Denkmal, an dem wir uns heute versammelt haben. Ihn ehren auch wir, die Bischöfe aus Deutschland und Polen, die hier zusammengekommen sind, um des Vermächtnisses unserer Vorgänger im Amt zu gedenken.

Den Briefwechsel darf man getrost zu den Highlights, zu den Sternstunden der europäischen Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts zählen. Das gilt zunächst einmal und in herausgehobener Weise für den polnischen Brief vom 18. November 1965, dessen kraftvolle Botschaft in dem Satz „Wir vergeben und bitten um Vergebung“ ihren prägnanten Ausdruck findet. Die deutsche Antwort wurde vielfach als zurückhaltend und zögerlich beschrieben – sicher nicht ganz zu Unrecht. Aber auch die deutschen Bischöfe, die – wie sie selbst schrieben – die ihnen entgegengestreckten Hände dankbar annahmen, zeigten in der Folgezeit, dass sie sich verlässlich auf den Weg der Versöhnung begeben hatten.

Man würde den Beteiligten, vor allem auch Kardinal Kominek, nicht gerecht werden und das Ereignis auch nicht wirklich verstehen, wenn der Kontext ausgeblendet bliebe. Versöhnung zwischen Menschen und erst recht zwischen Völkern ist eine hochkomplexe, herausfordernde und auch voraussetzungsvolle Angelegenheit. Sie kann nicht durch einmalige noch so gut gemeinte Aktionen quasi herbeigezwungen werden.

Zur Vorgeschichte der Versöhnungsbotschaft der Bischöfe gehört die einsetzende Entspannung im Ost-West-Verhältnis. Nicht weniger wichtig aber waren die Begegnungen der Bischöfe aus beiden Ländern beim Konzil, durch die über mehrere Jahre hinweg eine gewisse Vertrautheit wachsen konnte. Bereits während des Konzils mündete diese in die gemeinsame Initiative zur Seligsprechung von Pater Maximilian Kolbe. Zudem zeigten katholische Laienaktivitäten wie Sühnewallfahrten nach Polen und die bereits erwähnte Denkschrift der EKD, dass in der kirchlichen Öffentlichkeit in Deutschland neu über das Verhältnis zwischen den Nationen nachgedacht und dabei auch das sensible Thema der Vertreibung nicht ausgespart wurde. Auf polnischer Seite war es die Vorbereitung auf die bevorstehende 1000-Jahr-Feier der Christianisierung, die mit einer Gewissenserforschung auch der Kirche und des gläubigen Volkes verbunden werden sollte. Tatsächlich wuchs in dieser Zeit ein (wenngleich noch rudimentäres) Vertrauen in das Gegenüber auf der anderen Seite der Grenze. Solches Vertrauen in statu nascendi ist in Versöhnungsprozessen generell eine unabdingbare Vorbedingung für alle weiteren Schritte. Kardinal Kominek war diesbezüglich einer der Vorreiter, weil er schon früh den Kontakt mit bischöflichen Mitbrüdern aus Deutschland, aber auch mit deutschen Laienbewegungen und in den evangelischen Bereich hinein gesucht hat. So hat er geholfen, Vertrauen aufzubauen.

Ich erlaube mir, den Briefwechsel als Akt einer realistischen Prophetie zu bezeichnen. Der Brief der polnischen Bischöfe, aber auch die Dynamik in den Beziehungen, die durch beiderseitiges Tun eröffnet wurde, sind tatsächlich prophetisch zu nennen. Denn sie bezeugen die Weigerung, auf unabsehbare Zeit den schlechten Status quo, die Verfeindung der Völker, hinzunehmen und weisen auf neue Perspektiven und Horizonte. Auch diese Denkweise gehört zu jedem Versöhnungsprozess. Ohne den Mut zum Neuen, ohne den Mut, sich auf unerschlossenes Terrain zu begeben, gibt es keine Aussöhnung. Wie risikoreich und kostspielig ein prophetischer Mut sein kann, haben die polnischen Bischöfe nach dem Brief vom 18. November 1965 erfahren. Der kommunistische Staatsapparat hat gegen die Bischöfe mobilisiert, ihre Handlungsspielräume beschnitten und versucht, einen Keil zwischen das Volk und die Kirche zu treiben. Auch an den Mut der polnischen Bischöfe, die viel mehr zu verlieren hatten als die deutschen, muss heute dankbar erinnert werden.

Wenn Versöhnung gedeihen soll, muss sich die prophetische Stimme jedoch mit Realismus verbinden. Das Beispiel des Kardinals Kominek zeigt auch dies. Er war alles andere als ein Träumer und Naivität war ihm fremd. Kominek erwies sich vielmehr als ein höchst pragmatischer Kirchenführer, der unter schwierigsten Umständen die Seelsorge der ihm anvertrauten Gläubigen zu organisieren hatte. Obwohl ein polnischer Patriot, der nachdrücklich auf der Anerkennung der Oder-Neiße-Gebiete bestand, hatte er doch ein unbezweifelbares Verantwortungsgefühl für die in seinem Jurisdiktionsbereich verbliebenen Deutschen. Das führte dazu, dass zwar die Gottesdienste nur in polnischer Sprache gehalten werden durften und insofern der staatlich vorangetriebenen Polonisierungspolitik Rechnung getragen wurde, aber die Einzelseelsorge auch auf Deutsch stattfand. Auch in solchen zeitbedingten Kompromissen zeigt sich eine Fähigkeit, die Wirklichkeit und das Selbstverständnis der Anderen mitzudenken – bei Bischof Kominek zweifellos erlernt durch die Erfahrungen seiner oberschlesischen Heimat. Zweisprachig und mit guten Kenntnissen der deutschen Kultur war Kominek prädestiniert zum Brückenbauer, der auch das deutsche Erbe in seiner Breslauer Diözese ausdrücklich anerkannte. In allem Bemühen um Versöhnung ist ein Protagonist solcher Art unverzichtbar. Die polnisch-deutsche Aussöhnung fand ihn in Kardinal Kominek. Auch deshalb sind wir heute in Breslau an dem ihn ehrenden Denkmal zusammengekommen.

 

Breslauer Erzbischof bei Festakt: Die Idee der Versöhnung bleibt lebendig

„Versöhnung ist nicht Vergangenheit, sondern Zukunft. Dass wir heute hier stehen, ist der beste Beweis für die Aktualität und Kraft der Botschaft, die vor 60 Jahren aus der Feder meines Vorgängers Kardinal Bolesław Kominek stammt”, sagte Erzbischof Józef Kupny, Metropolit von Breslau und stellvertretender Vorsitzender der Polnischen Bischofskonferenz, beim Festakt am Denkmal für Kardinal Bolesław Kominek.

In seiner Ansprache betonte Kupny, dass „das, was uns hier zusammengeführt hat, die nach wie vor lebendige Idee der Versöhnung ist”. „Sie basiert auf Wahrheit, Dialog und gegenseitigem Respekt. Werte, die in den heutigen unruhigen Zeiten so dringend benötigt werden. Wenn hinter unserer Ostgrenze ein grausamer Krieg tobt. Auch in einer sich extrem dynamisch verändernden Realität, die in Europa das Gesicht der Säkularisierung annimmt“, hob er hervor. 

„Der Briefwechsel zwischen den Bischöfen hatte seine politischen Hintergründe und Konsequenzen, aber wir sollten nicht vergessen, dass seine Quelle in den Seiten des Evangeliums zu finden ist. Dort, wo von Vergebung und Liebe die Rede ist“, so der Metropolit von Breslau.

Er fügte hinzu, dass „dieser äußerst mutige Schritt der polnischen Bischöfe vor 60 Jahren – eine ausgestreckte Hand nur 20 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg – nicht nur den Test der Zeit bestanden hat, sondern sich auch als Wendepunkt in den polnisch-deutschen Beziehungen erwiesen hat”. Er stellte heraus, dass dies ein visionärer Ansatz war, der seiner Zeit voraus war.

Die Botschaft ist bis heute eine Inspiration für moderne Gesellschaften und Staaten

Erzbischof Kupny wies darauf hin, dass dies dazu geführt habe, dass der Senat der Republik Polen am 60. Jahrestag der Botschaft der polnischen Bischöfe an die deutschen Bischöfe eine Resolution per Akklamation verabschiedet habe. „Die Senatoren haben über politische Grenzen hinweg ihre Überzeugung zum Ausdruck gebracht, dass die Botschaft bis heute eine Inspiration für moderne Gesellschaften und Staaten in verschiedenen Regionen der Welt ist”, urteilte er.

„Der historische Briefwechsel zwischen den Bischöfen beider Länder ist heute eine Motivation für den Aufbau friedlicher Beziehungen, die auf universellen evangelischen Werten beruhen”, räumte der Kirchenführer ein. „Ich möchte deutlich betonen, dass es gerade die Vergebung Christi ist, die die Kirche der Welt weiterhin anbieten kann und sogar anbieten sollte. Ein Schatz, dessen Hüter wir sind und den wir auf keinen Fall für uns behalten dürfen“, sagte er.

Die auf Christus basierende Idee der Versöhnung hat eine ungebrochene Kraft

„Ich glaube, dass die auf Christus basierende Idee der Versöhnung eine ungebrochene Kraft hat, die Herzen unserer Nachbarvölker, aber auch des restlichen Europas zu verändern“, urteilte der Metropolit von Breslau und fügte hinzu: „So wie die Botschaft vor 60 Jahren auf heftigen Widerstand der kommunistischen Behörden stieß, so kann auch heute diese Botschaft Widerstand, Kontroversen oder Unverständnis hervorrufen.“ „Trotzdem sollten wir nicht aufhören, sie zu verkünden und durch unsere täglichen Entscheidungen, Handlungen und Einstellungen zu festigen. Auf diese Weise schaffen wir eine Generationenstaffel, die auf Wahrheit und echter Vergebung basiert“, betonte er.

„Unsere Anwesenheit hier ist ein Akt der Versöhnung. Und solche Akte brauchen wir in unserem Alltag dringend. Nicht nur anlässlich unterschiedlicher Feierlichkeiten. Denn echte Veränderung beginnt nicht mit großen Verträgen, sondern in unseren Herzen“, sagte Erzbischof Kupny. „Ich glaube, dass dieser Tag weit über die offiziellen Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Botschaft hinausgehen wird. Dass er eine weitere positive Wende in den polnisch-deutschen Beziehungen sein wird, ein Funke, der in unseren Herzen die heute so dringend benötigte Idee der Versöhnung, basierend auf Dialog, Wahrheit und Vergebung, neu entfachen wird“, fasste der Erzbischof seine Hoffnung zusammen.

Predigt von Georg Bätzing: Versöhnung ist nie abgeschlossen

Anlässlich des 60. Jahrestages des Briefwechsels der polnischen und deutschen Bischöfe am 18. November 2025 hat Bischof Dr. Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, in der Eucharistiefeier die Predigt gehalten. Wir dokumentieren diese Ansprache:

Liebe Mitbrüder im bischöflichen und priesterlichen Dienst, liebe Schwestern und Brüder,
der hl. Hedwig von Schlesien wird der Gedanke zugeschrieben: „Man muss Gegensätze durch Gegensätze heilen: den Hass durch die Liebe, die Schuld durch Sühne.“ Das ist ein Hoffnung stiftender Satz, der sehr genau zu den Lesungen passt, die wir soeben gehört haben.Aber trägt dieser Satz? Können wir ihn uns wirklich zu eigen machen – im Angesicht der Schrecken, die die Welt immer wieder hervorbringt? Richten wir unseren Blick auf den Zweiten Weltkrieg, auf die große Geschichte des Grauens im 20. Jahrhundert. Er wurde mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 entfesselt und forderte weltweit mehr als 60 Millionen Todesopfer. Unseren europäischen Kontinent hinterließ er in Trümmern. Polen und Osteuropa wurden mit einem Versklavungs- und Vernichtungskrieg überzogen. 1995 schrieb Papst Johannes Paul II. in seiner Botschaft anlässlich des 50. Jahrestages des Endes des Weltkrieges in Europa: „Nach einem halben Jahrhundert bewahren Einzelpersonen, Familien und Völker noch immer die Erinnerung an jene sechs schrecklichen Jahre: Erinnerungen an Angst, Gewalt, große Not, Tod; dramatische Erfahrungen schmerzvoller Trennung in einer Zeit, in der es keine Sicherheit und keine Freiheit gab; unauslöschliche Erschütterungen durch grenzenlose Vernichtung.“ Der nationalsozialistischen Ideologie, die sich aus dem vermeintlichen „Recht des Stärkeren“ speiste, fielen Millionen Menschen zum Opfer – darunter Juden, Sinti und Roma, Slawen, politisch Andersdenkende, Menschen mit Behinderungen und viele andere. Ein politisches Mordprogramm, das das eben gehörte Wort des Propheten Amos – „Hasst das Böse, liebt das Gute“ (Am 5,15) – in sein Gegenteil pervertierte. Das Böse war zur Richtschnur erhoben worden.

Kann es da Heilung geben? Ist Versöhnung überhaupt noch möglich? Oder zerschellen die hehren Begriffe und Hoffnungen unserer Zivilisation und auch unseres Glaubens an der Wirklichkeit des Schreckens?

Wir feiern heute ein Ereignis, das nur 20 Jahre nach dem Massensterben des Weltkriegs und dem Massenmorden im Weltkrieg stattgefunden hat. Als die Wunden noch offen waren, geschah etwas, das uns Deutsche bis heute beschämt und zugleich Hoffnung schenkt: Die Bischöfe Polens wandten sich in einer Botschaft den deutschen Mitbrüdern – und in gewissem Sinne damit dem deutschen Volk – zu. Sie traten nicht als moralische Richter auf; das wäre verständlich gewesen. Sondern sie schrieben die unvergesslichen Worte: „Wir strecken unsere Hände zu Ihnen hin in den Bänken des zu Ende gehenden Konzils, gewähren Vergebung und bitten um Vergebung.“ Es ist nicht Schwäche, die sich hier offenbart, sondern die Stärke des Evangeliums. Diese Worte fielen wie ein Lichtstrahl in eine Zeit, in der ein Großteil der Deutschen noch weit davon entfernt war, sich dem Ausmaß der von ihrem Land begangenen Verbrechen zu stellen. Man kann sagen: Die polnischen Bischöfe taten das, was die hl. Hedwig von Schlesien meint, wenn sie sagt: „Man muss Gegensätze durch Gegensätze heilen.“

In seinem Brief an die Gemeinde in Korinth führt Paulus diesen „Dienst der Versöhnung“ näher aus: „Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat, indem er ihnen ihre Verfehlungen nicht anrechnete und unter uns das Wort von der Versöhnung aufgerichtet hat“ (2 Kor 5,19). Und daraus folgt: Wir können uns miteinander versöhnen, weil wir durch Christus mit Gott versöhnt sind. Oder, wie es der hl. Papst Johannes Paul II. einmal formuliert hat: „Immerhin ist es nicht leicht, das Böse zu vergessen, das man unmittelbar erfahren hat. Man kann es nur verzeihen. Und was bedeutet Verzeihen, wenn nicht, sich auf das Gute zu berufen, das größer ist als jegliches Böse? Dieses Gute hat schließlich sein Fundament in Gott. Nur Gott ist dieses Gute.“ Da, wo nach menschlichen Maßstäben keine Heilung der zerstörten Beziehungen mehr möglich ist, ist es Gott, der der Vergebung unter den Menschen neue Wege öffnet. Es sind lange und schwierige Wege. Aber sie befreien das Herz und bieten die Chance eines neuen Anfangs.

Doch Vergebung allein bedeutet noch keine Versöhnung. Vergebung kann einseitig geschehen; sie ist ein Akt begnadeter Freiheit. Versöhnung hingegen ist keine Einbahnstraße, sondern verlangt das Mitwirken beider Seiten. Sie ist ein gemeinsamer Weg, der Begegnung, Offenheit und Vertrauen erfordert: ein Wagnis, das mit der Demut beginnt, eigene Fehler einzugestehen, und sich darin vollendet, dass sich vormalige Feinde eine gemeinsame Zukunft zusprechen. Die polnischen Bischöfe waren in diesem Sinn Propheten. Sie haben nicht gewartet, bis die Gerechtigkeit hergestellt war. Sie haben nicht verlangt, dass zuerst alles wiedergutgemacht wird. Sie begannen mit einem Schritt aus dem Glauben heraus – mit der ausgestreckten Hand.

So wird die Logik der Aufrechnung, die unsere Welt bestimmt, durchkreuzt. Für diese Glaubenshaltung steht das heutige Evangelium. Die Seligpreisungen sind keine fromme Dekoration, sondern eine Gegen-Logik zur Welt. Selig die Sanftmütigen – nicht die Gewalttätigen. Selig die Frieden stiften – nicht die, die sich mit Gewalt durchsetzen. Selig die Barmherzigen – nicht die, die Recht behalten wollen um jeden Preis. Diese Worte passen nicht zur Welt – und können gerade deshalb die Welt verändern. Das galt vor 60 Jahren und es gilt auch heute, in einer Zeit, in der der Friede in Europa gebrochen wurde und täglich weiter gebrochen wird; in einer Zeit, in der in unseren Gesellschaften die Tendenzen der Spaltung, des Misstrauens, der Verhärtung der Fronten und der Verfeindung dominant zu werden drohen. Im Verhältnis der Staaten wachsen in Europa die Nationalismen wieder und das Vertrauen in die Kraft des gemeinsamen Handelns mit den Nachbarn sinkt.

Darum ist der Jahrestag, den wir heute begehen, nicht nur ein Tag der Erinnerung an einen großen Moment der Vergangenheit. Er ist zugleich ein Tag, an dem wir uns des Auftrags vergewissern, für ein Europa einzutreten, das seine Friedenslektion nicht vergisst. Es gehe darum, hat der deutsche Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1985 in seiner berühmten Rede anlässlich des 40. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkrieges gesagt, dass wir „lernen, miteinander zu leben, nicht gegeneinander“. Dieses Lernen endet nie. Jede Generation muss für sich daran anknüpfen. Wir beginnen heute nicht von vorn – und wir beginnen im Licht dessen, der uns zuerst die Hand gereicht hat: Christus selbst.

Versöhnung ist nie abgeschlossen. Sie ist ein Weg, auf dem wir gehen dürfen – manchmal ein mühsamer, holpriger und gefährdeter Weg. Die Seligpreisung Jesu „Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden“ (Mt 5,9) ist uns dabei Richtschnur und Hoffnungszusage. Und wir dürfen auf unseren heutigen Wegen dankbar sein für das Zeugnis früherer Generationen: dass Heilung möglich ist, nicht durch Vergeltung mit gleicher Münze, sondern in der Überwindung des Hasses durch die Liebe und der Schuld durch Vergebung.

Erklärung der Vorsitzenden der Bischofkonferenzen: Mut zur ausgestreckten Hand

Gemeinsame Erklärung der Vorsitzenden der Polnischen und der Deutschen Bischofskonferenz zum 60. Jahrestag des Briefwechsels

1. Die Geschichte der Versöhnung

Vor sechzig Jahren, am 18. November 1965, sandten die polnischen Bischöfe einen Brief an ihre deutschen Mitbrüder, der als Meilenstein in die Geschichte der polnisch-deutschen Versöhnung einging. Er war geprägt vom Mut zur ausgestreckten Hand. Seine Botschaft wirkt bis heute nach und imponiert: „In diesem allerchristlichsten und zugleich sehr menschlichen Geist strecken wir unsere Hände zu Ihnen hin in den Bänken des zu Ende gehenden Konzils, gewähren Vergebung und bitten um Vergebung.“ Die von den polnischen Bischöfen gereichte Hand wurde von den deutschen Bischöfen in ihrem Antwortschreiben freudig ergriffen. Dieser Briefwechsel markierte den Weg für die deutsch-polnische Versöhnung. Er löste in beiden Ländern schmerzhafte Kontroversen aus, die aber zu notwendigen Klärungen beitrugen. Auch auf diese Weise wurde der Briefwechsel zu einer wesentlichen Orientierung für das praktische Wirken der Kirche sowie für die Gesellschaften in Polen und Deutschland.

Die polnischen Bischöfe handelten im direkten Widerspruch zur Politik der kommunistischen Regierung, die das deutsche Feindbild zur Stabilisierung ihres politischen Systems nutzte. Die Bereitschaft des polnischen Episkopats, über die tiefen historischen Wunden und Ängste hinauszudenken, war im besten Sinne subversiv und öffnete neue Perspektiven. Die ikonischen Worte, die von den deutschen Bischöfen wiederholt wurden, „Wir vergeben und bitten um Vergebung“, brachten eine prophetische Vernunft zum Tragen, die ihr Einverständnis mit den von Angst, Ressentiment, Verwundung und Gewalt geprägten Verhältnissen verweigerte.

Der Mut zu dieser risikoreichen Geste der Versöhnung entsprang der Tiefe des „christlichen, aber zugleich sehr menschlichen Geistes“. Christus lädt alle, die ihm folgen, unabhängig von ihrer Volkszugehörigkeit, zu Vergebung und Feindesliebe ein. Der Mut nährte sich aber auch aus den persönlichen Beziehungen und dem Vertrauen zwischen den polnischen und deutschen Bischöfen, die während des Zweiten Vatikanischen Konzils gewachsen waren.

Der Briefwechsel machte vor allen Augen deutlich, die Kirche in Polen und die Kirche in Deutschland ließen sich nicht von der politischen Logik der Konfrontation zwischen den Blöcken leiten, sondern vom Wunsch, den Weg einer gemeinsamen Transformation einzuschlagen.

Er war ein wirksames Zeichen und zugleich Werkzeug des noch auf lange Sicht schmerzhaften Prozesses der Versöhnung. So leisteten die Briefe schließlich auch einen gewichtigen Beitrag für den Weg einer politischen Verständigung, die zur Anerkennung der Staatsgrenze an Oder und Neiße und weiteren Schritten zu guter Nachbarschaft zwischen Polen und Deutschen führte.

Wir vergessen bei alledem nicht, wie sehr auch andere Initiativen aus dem Raum der katholischen Kirche und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) diesen Prozess mitgestaltet haben.

2. Hoffnung auf Versöhnung für Polen und Deutschland

Auch wenn auf dem Weg der deutsch-polnischen Versöhnung Großes erreicht werden konnte, das weit über das hinausgeht, was Menschen sich 1945 vorstellen konnten: Die historischen Verletzungen prägen unsere Gegenwart bis heute. Mehr noch: Manche politischen Akteure versuchen, das immer noch Schmerzende und das historisch Unabgegoltene politisch zu nutzen. Für uns ist klar: Politische Spiele mit den historischen Verletzungen widersprechen dem Geist der Versöhnung, wie er im Briefwechsel zum Ausdruck kam.

Die Bitte um Vergebung meinte nicht, dass die deutschen Verbrechen, der Versklavungs- und Vernichtungskrieg gegen Polen, der Holocaust und alle Folgen der nationalsozialistischen Herrschaft vergessen werden dürften. Auch die Vertreibung zunächst von Polen, dann von Deutschen aus ihrer Heimat darf nicht dem Vergessen anheimgegeben werden. Denn gerade aus der geteilten Erinnerung können die Kraft zu Versöhnung und der Mut zu einer friedlicheren Zukunft in Europa wachsen.

Zwischen unseren Gesellschaften bestehen auch weiterhin Spannungen, die der Überwindung harren. Die Fragen nach dem Umgang mit der gewaltbelasteten Vergangenheit und der Anerkennung von Schuld sollten aber so diskutiert werden, dass Versöhnung wachsen kann und nicht Wunden neu aufgerissen werden. Es geht nicht vor allem darum, Recht zu haben, als vielmehr den Nachbarn zu verstehen und empathisch mit den Verletzungen der anderen umzugehen.

Zum Prozess der Versöhnung gehören die gegenseitige Anerkennung als Menschen mit gleicher Würde und das Streben nach Verständnis, ein ehrlicher und wahrhaftiger Blick auf die Geschichte und die Bereitschaft, die Zukunft gemeinsam zu gestalten. Die Bereitschaft zum Hinhören und zum Aushalten der Erzählungen von Schuld und Leid sind unabdingbar.

3. Hoffnung auf Versöhnung für Europa und die Welt

Deutsche und Polen sind heute gemeinsam in die Verantwortung für Europa und die Welt gestellt. Die aktuellen Herausforderungen reichen über die deutsch-polnischen Grenzen hinaus. - 3 - Angesichts vielfältiger Gewaltkonflikte ist die Zuversicht vieler Menschen bezüglich unserer Zukunft erschüttert. Die Erinnerung an den Briefwechsel und die deutsch-polnische Versöhnung helfen uns aber, unsere Zuversicht zu stärken. Solidarität, Mitgefühl, Beharrlichkeit und die Bereitschaft, die eigene Perspektive im Licht des Evangeliums zu überdenken, können uns auch heute wichtige Orientierung geben. Der Versuchung, sich auf nationale Sonderwege zu begeben und sich international von der Politik der regelbasierten Zusammenarbeit zu verabschieden, gilt es zu widerstehen. Die europäische Idee, einen gemeinsamen Raum des Rechts und des Friedens zu schaffen, ist weiterhin zentral.

Dies spüren wir besonders im Blick auf den Krieg Russlands gegen die Ukraine. Wir sind von der Notwendigkeit überzeugt, dass Europa gemeinsam der Gewalt entgegentreten muss. Praktische Solidarität mit den Angegriffenen und Mitgefühl mit allen Opfern des Krieges sind gefordert.

Wenn wir uns heute dem ukrainischen Volk zuwenden, tun wir dies mit helfenden Händen. Wir ermutigen unsere Länder, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um das Überleben des ukrainischen Volkes in diesem Krieg zu sichern, sein Elend zu beenden und zur Verteidigung grundlegender Werte wie einem Leben in Freiheit und Würde beizutragen. Es wurde bereits viel unternommen, nicht zuletzt von polnischer und deutscher Seite. Aber wir alle – Staaten und Gesellschaften – dürfen jetzt, da sich allerorten Ermüdungserscheinungen zeigen, mit der Unterstützung nicht nachlassen.

Die Kirche in Polen und in Deutschland wird auch in Zukunft daran mitarbeiten, Feindschaften in Europa aufzubrechen und zu überwinden. Deshalb haben die Bischofskonferenzen aus beiden Ländern im Jahr 2007 die Gründung der Maximilian-Kolbe-Stiftung unterstützt, die eine Plattform dieses Engagements darstellt. Mit Nachdruck halten wir an diesen Bemühungen fest und wollen sie weiterentwickeln.

Die deutschen Bischöfe beendeten 1965 ihre dankbare und hoffnungsvolle Antwort, formuliert in Rom schon kurz nach dem Erhalt des polnischen Briefes mit den Worten: „Mit brüderlicher Ehrfurcht ergreifen wir die dargebotenen Hände. Der Gott des Friedens gewähre uns auf die Fürbitte der ‚Regina pacis‘, dass niemals wieder der Ungeist des Hasses unsere Hände trenne.“ So wollen auch wir heute unsere Hände verbinden und die Wege der Versöhnung Gott, der unser Friede ist, und der Fürbitte der Mutter des Friedens anvertrauen.

„Wir gewähren Vergebung und bitten um Vergebung.“ Diese aufrichtige und hoffnungsvolle Bitte ist nicht Vergangenheit. Sie leitet uns auch heute, sie muss uns auch in der Zukunft Programm sein.

Wrocław/Breslau, 18. November 2025

Erzbischof Dr. Tadeusz Wojda
Vorsitzender der Polnischen Bischofskonferenz

Bischof Dr. Georg Bätzing
Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

Zurück