Ermländer bauen Brücken mit Christus

von Norbert Block

„Mit Christus Brücken bauen“ – Das Leitwort des 99. Deutschen Katholikentages in Regensburg kann ein zentrales Anliegen der Ermländer nicht besser beschreiben. Seit Jahrzehnten haben sich Seelsorger und Laien dieser Aufgabe verschrieben. Seit dem Fall der Mauer zwischen Ost und West im Jahre 1989 hat die Dynamik zugenommen. Der gemeinsame Glaube verbindet heimatvertriebene Katholiken und Aussiedler aus der ehemaligen deutschen Diözese Ermland sowie deren Nachkommen mit den heutigen Bewohnern in der Erzdiözese Ermland.

Bereits Bischof Maximilian Kaller, der 1945 vom damaligen polnischen Primas Kardinal August Hlond aus dem Ermland ausgewiesen wurde, schrieb ein Jahr später an den am Allensteiner Bischofssitz von Hlond eingesetzten Apostolischen Administrator Dr. Teodor Bensch: „Zwischen uns darf kein Abgrund stehen. Sie können nichts dafür, dass sie dieses Amt übernehmen mussten, ich kann nichts dafür, dass ich fortgehen musste. Höhere Mächte haben entschieden.“

Wegweisend war schließlich im Jahr 1965 der Briefwechsel der polnischen und deutschen Bischöfe anlässlich des Konzils in Rom. Den Kernsatz der polnischen Bischöfe lautete: "Wir strecken unsere Hände zu Ihnen hin in den Bänken des zu Ende gehenden Konzils, gewähren Vergebung und bitten um Vergebung." Die deutschen Bischöfe ergriffen die ausgestreckten Hände und antworteten unter anderem: „Wir sind dankbar, dass Sie neben dem unermesslichen Leid des polnischen Volkes auch des harten Loses der Millionen vertriebener Deutscher und Flüchtlinge gedenken.“ Der Kapitularvikar von Ermland, Prälat Paul Hoppe, schrieb dazu im „Ermlandbrief“ (Ostern, 1966): „Das Aufnehmen des Briefes ... müsste so geschehen, dass wir von unserer Seite eine Arbeit leisten, um der Wahrheit, dem Recht und der Liebe zu dienen.“ Und er fügte hinzu, dass die Ermländer in ihren Gottesdienste seit Jahren Fürbitten „um den Geist des Verzeihens und der Liebe“ halten würden.

Seit den 1970er Jahren haben dann private Kontakte zwischen Deutschen und Polen erste konkrete Brücken der Versöhnung geschlagen. Etliche Hilfslieferungen wurden - als die Kommunisten noch in Polen das Sagen hatten - organisiert, um die Menschen in den Dörfern und Städten des Ermlands zu unterstützen. Viele Pakete mit Nahrungsmitteln und Kleidung verschickten Ermländer aus Deutschland in ihre alte Heimat. Bei unzähligen privaten Treffen knüpften die Menschen Kontakte, die ehemaligen Bewohner mit den heutigen Einwohnern.

Vorbild waren die Spitzen des Klerus: Der Bischof von Ermland, Dr. Edmund Piszcz, und der vom Papst ernannte Apostolische Visitator für die Ermländer in Deutschland, Prälat Johannes Schwalke, konnten ihre persönliche Freundschaft seit 1990 auch öffentlich zeigen. Äußeres Zeichen war die Einladung einer Delegation der Ermländer aus Deutschland als Ehrengäste zum Papst-Besuch im Juni 1991 in Allenstein. Ein Vertreter der Gemeinschaft Junges Ermland grüßte Papst Johannes Paul II. in deutscher Sprache und überreichte während des Gottesdienste ein Gastgeschenk. Prälat Schwalke und mehrere ermländische Konsistorialräte waren als Konzelebranten dabei. 

Am Vortag der Papstmesse wurde zudem nach Jahrzehnten der erste offizielle deutschsprachige Gottesdienst für die deutsche Minderheit in der Herz-Jesu-Kirche in Allenstein gefeiert. Seitdem werden regelmäßig weiter Gottesdienste in deutscher Sprache angeboten, zunächst einmal im Monat, inzwischen wöchentlich in Allenstein und zusätzlich an anderen Orten in der Erzdiözese.

Möglich macht dies insbesondere Domherr Andre Schmeier. Als Theologiestudent wechselte er kurz vor der Priesterweihe von Deutschland ins Priesterseminar nach Allenstein. Er lernte Polnisch und ließ sich dann als Priester auf die Diözese Ermland weihen. Als Kaplan hat er sowohl in seiner polnischen Gemeinde gewirkt ebenso wie als Seelsorger für die deutsche Minderheit.

Weitere Zeichen des Miteinanders folgen: Bei der Wallfahrt der Ermländer nach Werl am 4. Mai 2003 wird das von der polnischen Kurie unterstützte Seligsprechungsverfahren für den letzten deutschen Bischof,  Maximilian Kaller, eröffnet. Erzbischof Joachim Kardinal Meisner aus Köln und Erzbischof Dr. Edmund Piszcz aus Allenstein sind die Hauptzelebranten.

Erzbischof Piszcz ernennt im Mai 2005 im Zeichen der Freundschaft Prälat Johannes Schwalke, Apostolischer Visitator Ermland em., zum Ehrendomherrn von Frauenburg (Frombork). Schwalke wird damit für seine Verdienste um die deutsch-polnische Versöhnung geehrt.

Schwalkes Nachfolger, der von der Deutschen Bischofskonferenz ernannte Visitator Msgr. Dr. Lothar Schlegel, geht diesen freundschaftlichen Weg weiter. Er vereinbart mit dem Erzbischof von Ermland, dass der Visitator aus Deutschland ein eigenes Büro und ein Appartement in der neu errichteten Kurie in Allenstein erhält. In dem Büro hält Andre Schmeier fortan wöchentliche Sprechstunden. Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin hilft ihm bei seiner Arbeit. Gleichzeitig unterstützen beide auch den Erzbischof bei seinen Kontakten nach Deutschland. Die freundschaftlichen Beziehungen – inzwischen längst als „Ermländisches Modell“ bezeichnet -  werden auch unter dem Nachfolger von Edmund Piszcz, Erzbischof Wojciech Ziemba, fortgesetzt. Visitator Msgr. Dr. Lothar Schlegel, der 2011 altersbedingt aus seinem Amt ausscheidet, wird zuvor vom Erzbischof noch zum Ehrendomherrn von Frauenburg ernannt.

Das Ermländische Konsistorium, das aus dem einstigen deutschen Domkapitel von Ermland hervorgingt, beruft im Gegenzug die hochrangigen polnischen Priester Prälat Bronisław Magdziarz und Prälat Dr. Julian Żołnierkiewicz zu Ehrenkonsistorialräten. Vertreter des Ermländischen Konsistoriums und des (polnischen) Domkapitels der Erzdiözese Ermland tagen erstmals gemeinsam.

Die Bischof-Maximilian-Kaller-Stiftung hat Mitte der 1990er Jahre mit etwa 1,5 Millionen Mark den Erhalt von ermländischen Kirchen und Kapellen unterstützt. Beispielsweise konnte so die Wallfahrtskirche in Stegmannsdorf, deren Deckenmalereien aufgrund des undichten Daches gefährdet waren, gerettet werden.

Der Verein „Ermländische Landvolk“ hält ebenfalls rege Kontakte zu den Menschen im Ermland. So wurde dort ein Bauernverband gegründet. Unterstützt wurde seit Anfang der 1990er auch der Aufbau von Sozialstationen.

Die Gemeinschaft Junges Ermland (GJE) führt seit 1991 deutsch-polnische Jugendbegegnungen durch. Außerdem hat die  GJE im Jahr 1991 eine Regionalgruppe in Allenstein gegründet. Vertreter dieser Regionalgruppe arbeiten seitdem wie selbstverständlich in den Gremien der GJE, dem Führungskreis und dem Vorstand, mit.

Gemeinsam mit den ermländischen Vereinen, Stiftungen und Gruppen setzt der im Jahr 2012 gegründete gemeinnützige Ermlandfamilie e.V. diese Arbeit in enger Zusammenarbeit mit dem  Ermländischen Konsistorium fort. Nach dem Wegfall kirchlicher Zuwendungen ist der Verein ausschließlich auf Spenden angewiesen. Unterstützen auch Sie unsere Arbeit! Vergelt’s Gott.

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